
Die Flucht aus Ostpreußen
1945
Erzählung von Margarete
Hoffmann, geb. Sommerfeld (damals 13 Jahre alt)
Wir wohnten in Wormditt/Ostpreußen, Elbingerstr. 57
Am 24.1.1945 kam unser Onkel Otto Huschka, ein Hauptmann
der Wehrmacht, der
mit seinem Stab in Ostpreußen lag, bei uns mit
einem Wehrmachts-Lkw vorgefahren
und sagte: “Packt das Nötigste zusammen, Ihr müßt
hier raus. Es kann 4 Wochen
oder auch 4 Monate dauern. Wir schlagen die Russen schon
wieder zurück.
Er befahl unserer Mutter, uns alles doppelt anzuziehen,
Strümpfe, Hosen Pullover.
Etwas Unterwäsche wurde zusammengepackt. Tante Agathe
packte die Sachen
wieder aus und packte dafür Fressalien ein; denn
wir hatten 6 Wochen vorher
geschlachtet. Der große Schließkorb wurde
vom Boden geholt und darin die Gläser
mit der eingekochten Wurst verstaut. Ein Eimer mit Schweineschmalz
und ein Sack
mit geräucherten Salami kam auch mit. Unser Opa
Juth wollte nicht mit, er hatte
Angst, daß die Schweine und Hühner verhungern.
Aber Onkel Otto ließ ihm keine
Ruhe; so ist er dann als Letzter aufs Auto geklettert
in seinen alten Klamotten, die er
gerade anhatte; für ihn war auch nichts eingepackt.
So fuhren wir am Nachmittag des 24.Januar 1945 von zu
Hause weg. Meine Mutter
mit uns vier Kindern, Tante Agathe und ihre Tochter Hanneli
und Opa. Frau Klein mit
zwei Kindern und ihrer Schwester, die bei Opa im Haus
wohnten, fuhren auch noch
mit. Der Kanonendonner der Russen war schon seit 3 Tagen
zu hören. Es lag Schnee,
der zu tauen begann. Manche sind mit dem Pferdeschlitten
weggefahren, sie kamen
nicht weit. So fuhren wir in Richtung Mehlsack. Auf einem
großen Gut in Rosenberg
war unser erster Aufenthalt. Hier waren die Zimmer ausgeräumt,
nur die Lampen
hingen noch. Auf dem Fußboden lag Stroh. Den Kindern
hat es Spaß gemacht, auf
dem Stroh zu schlafen.
Onkel Otto hatte dafür gesorgt, daß uns ein
Bus weiterbringen sollte. Dieser war ganz
mit Tarnfarbe gestrichen, sogar die Fenster waren zu.
Der Bus fuhr mit Holz, hatte
dauernd eine Panne, aber irgendwie kamen wir immer weiter.
Wir kamen bis Tharau. In
dem Geburtshaus von “Ännchen von Tharau“ haben wir
übernachtet. Eine freundliche
Frau ließ uns in den Betten schlafen. Am nächsten
Tag ging es wieder mit dem Bus
weiter. Der Busfahrer kannte sich in der Gegend nicht
aus. So fuhren wir in Richtung
Königsberg. Unterwegs wurden wir von den russischen
Fliegern mit Bordwaffen
beschossen. Dann hatten wir wieder einmal eine Panne.
Plötzlich fragte einer von
draußen: “Wo wollt Ihr eigentlich hin? Ihr fahrt
den Russen direkt in die Arme“. So
mußten wir wenden und es ging auf Nebenstraßen
wieder weiter. Irgendwann am
Nachmittag hatten wir uns wieder einmal verfahren und
steckten im hohen Schnee
fest. Draußen waren über 20° minus. Zu
unserem Glück hatte sich ein anderes Auto
auch verfahren und die zogen uns raus. So kamen wir dann
nach Zinten. Dort war
alles voll mit Flüchtlingen. Sie schickten uns ins
nächste Dorf, nach Kuschen. Hier gab
es 4 große Gehöfte, das war das ganze Dorf.
Wir bekamen eine Stube zugewiesen, in
der ein Sofa stand. Darauf schlief Opa, wir anderen auf
dem Fußboden. An unseren
Füßen schliefen noch 2 Soldaten. Hier habe
ich auch die Jenaer-Flasche von meiner
Schwester Uschi zerbrochen. Aber sie trank dann aus der
Tasse, sie war ja erst 2
Jahre alt. Ich hatte hier meinen 13. Geburtstag und bekam
von den Soldaten eine
Schachtel Schoko-Cola und von Tante Agathe ein Paar Strümpfe
geschenkt. Wir
mußten zum Einkaufen nach Zinten. Es gab hauptsächlich
Brot. Dazu mußten wir
Schlange stehen. Hier trafen wir auch Tante Dreier. Auf
dem Rückweg kamen wieder
die Tiefflieger und beschossen uns. Es lag eine geschlossene
Schneedecke, die Sonne
schien und wir warfen uns in den Straßengraben.
Nebenan im großen Wohnzimmer waren die Soldaten
einquartiert. Da gab es auch ein
Radio. Opa ging immer Nachrichten hören. Als er
dann hörte, daß die Russen
Wormditt besetzt hatten, fing er langsam an, wieder mit
uns zu sprechen (bis dahin
hatte er kein Wort mehr mit uns gesprochen). Wir waren
etwa 2 Wochen in Kuschen.
Tante Agathe hatte sich mit den Soldaten angefreundet.
Es war eine Schlächterei-
Kompanie. Als diese den Abmarschbefehl bekamen, haben
sie uns mitgenommen.
Mitten in der Nacht mußten wir aufbrechen. Es standen
4 Autos zur Verfiigung.
Draußen war es stockdunkel und wir waren alle getrennt.
Opa wollte den
Schmalzeimer retten, war hingefallen (er hatte ein Holzbein).
Ich war mit Mutter,
Uschi und Toni auf einem Auto, das mit lauter Geräten
beladen war. Wir saßen
obenauf bei Soldaten und polnischen Frauen. Hinten saßen
die Soldaten mit der
Panzerfaust in der Hand. Wir mußten Umwege fahren,
weil das Militär die
Hauptstraßen befuhr. Einmal sah ich Lichter aufblitzen,
da sagte einer, das sind
russische Panzerspitzen. Als es hell wurde, waren wir
in Rosenberg am Frischen Haff
angekommen. Heiligenbeil war die nächst größere
Stadt. Hier gingen wir in ein Haus.
Die Frau ließ uns in den Federbetten schlafen.
Tante Agathe ging zu einer
Kommandantur am Hafen. Weil wir 3 kleine Kinder hatten
und Opa beinamputiert
war, bekamen wir Schiffskarten. Es war nur eine Rinne
frei, das ganze Haff war
zugefroren. Es mußten viele, die einigermaßen
gut zu Fuß waren, zu Fuß den Weg
übers Haff antreten. Ich habe viele tote Pferde
mit umgekippten Wagen gesehen. Wir
kamen gut in Pillau an.
Von nun an mußten wir für uns selber aufkommen.
Die Artillerie schoß schon rein.
Wir gingen zu einem Hochbunker, Tante Agathe fragte sich
durch, wann das nächste
Schiff abfährt. So machten wir uns gleich wieder
zum Hafen an die 'Weichsel'. Hans
und ich blieben mit Opa oben an der Reling sitzen, weil
er mit seinem Holzbein nicht
die Treppen steigen konnte. Mutter war mit Uschi und
Toni unten im Schiffsrumpf,
da führte eine Strickleiter runter. Unten stand
ein Eimer, der als Toilette diente. Wir
fuhren durch die Danziger Bucht bis Gotenhafen. Hier
wurden wir im Marinearsenal
untergebracht. In einer großen Halle war an den
Seiten Stroh aufgeschüttet; die
Koffer dienten als Grenze. Aus einer Großküche
gab es Essen. Mutter und Tante
Agathe machten sich auf den Weg in die Stadt. Hier wohnte
Tante Mariechen. Als wir
hinkamen, war sie schon weg, aber der Hausmeister gab
uns den Schlüssel und wir
konnten dort einziehen. Unser Opa war sehr krank geworden.
Da waren wir froh, daß
er in einem Bett liegen konnte. Nach ein paar Tagen kam
Tante Magda mit ihren 2
Söhnen und war ganz erstaunt, uns dort zu finden.
Hier blieben wir etwa 2 Wochen.
Am 30.1.1945 war die 'Wilhelm Gustloff' untergegangen.
Das war uns bekannt. Der
Wirt erzählte, daß viele Angehörige von
Nazis auf dem Schiff waren und
wahrscheinlich aus diesem Grund, hatten die Russen das
Schiff versenkt.
Es gab kaum etwas zu kaufen, alles war voll mit Flüchtlingen.
Tante Agathe kaufte
einen ganzen Kasten Stopf- und Nähgarn, das konnten
wir in Dänemark gut
gebrauchen. Durch den Hauswirt bekamen wir den Tip, uns
Schiffskarten zu
besorgen. Es war nur noch der Wasserweg offen, um ins
Reich zu kommen. Wir sind
dann irgendwie an Schiffskarten gekommen und gingen zum
Hafen. Wir wurden mit
einem kleinen Boot auf die andere Seite des Hafens nach
Oxhöft gebracht. Dort lag
die 'Potsdam' vor Anker. Wir mußten 1 oder 2 Tage
warten, bis das Schiff auslief. Hans
fragte einen Matrosen, warum es solange dauert. Er sagte:
Die Abfahrt darf nicht
bekanntgegeben werden, damit die Postdam nicht auch wie
die Gustloff torpediert wird.
Wir hatten eine Kabine mit 11 Personen. Drei Betten standen
darin. Tante Magda war
auch bei uns geblieben. Wir fuhren dann mit einem Geleitzug.
Die 'Deutschland' war auch
dabei. Neben uns fuhren die kleinen Boote, sie wurden
von den hohen Wellen fast
überspült.
Es waren ungefähr 5.000 Flüchtlinge an Bord
und 2.000 Verwundete. Wir waren einige
Tage unterwegs, bis wir zur Insel Rügen kamen. Unser
Schiff war zu groß für den Hafen
Sassnitz. So mußten wir auf ein kleineres umsteigen,
das uns in den Hafen schleppte.
Hier gingen wir von Bord und direkt in die Züge,
die am Hafen bereitstanden. Wir hatten
wieder ein Abteil für uns, dann ging es los. Die
erste Stadt war Stralsund. Dann ging es
über Rostock, Wismar, Rendsburg, Flensburg nach
Dänemark. Wir waren ein Woche
im Zug. Einmal an der Ostküste' dann an der Westküste.
Viele hatten Durchfall, es gab
nur eine Toilette für den ganzen Zug. So hat Mutter
die Toni zum Abhalten während
der Fahrt durchs Zugfenster gehalten.
Am 3. März1945 wurden wir in Kjellerup ausgeladen,
in Schulen untergebracht,
direkt vor dem Rathaus. Wir bekamen auch Kronen und konnten
in den Geschäften
einkaufen. Es waren auch viele Soldaten da. Wir bekamen
Bettwäsche zugeteilt,
davon hat uns Mutter Dirndl genäht. Toni wurde sehr
krank, so daß sie ins dänische
Krankenhaus eingeliefert wurde. Sie wurde mit Wassersuppe
aufgepäppelt und mußte
mit 5 Jahren noch einmal laufen lernen.
Am 8. Mai1945 war der Krieg aus und es wurde Stacheldraht
gespannt vor den
Schulen. Mitte Juni kamen wir dann nach Kompedal. Das
war ein Lager mitten im
Wald. Wir waren die Ersten und kamen in eine feste Baracke.
Hier waren wir etwa 2
Jahre. Ich ging hier zur Schule. Dann kamen wir nach
Grove, ein großen
Internierungslager. Wir wohnten im 8. Bezirk. Ich arbeitete
dort in der Verwaltung
beim Suchdienst.
Im Dezember 1948 kamen wir mit dem letzten Transport aus
Grove raus. Von Karup
mit dem Zug nach Deutschland bis Bebra. In einem Lager
in Herfa bei Hersfeld waren
wir dann noch ein Jahr. Dort bekamen wir die erste Nachricht
von unserem Vater, der
bis dahin in Gefangenschaft war. Er holte uns nach Langendiebach,
wo er bei der
Fotokompanie im dortigen Fliegerhorst Arbeit gefunden
hatte.